Die Katze am Straßenrand

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Die Katze am Straßenrand

 

Malu staunte nicht schlecht. Er sah so etwas zum ersten mal in freier Natur. Eine Katze. Europäische Kurzhaar. Natürlich kannte er aus seinem Speicher, der schier allumfassend wirkte, eine Katze. Genauer gesagt kannte er alle. Alle uns Menschen bekannten Familien, Arten und Züchtungen waren für ihn innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde abrufbar. Er könnte sogar ihre Sprache, wenn er den dafür programmierten Algorithmus aus dem Netz lud und gegen den menschlicher Sprachen und Dialekte ersetzte. Es war eine phänomenale Fähigkeit, aber nur für eine Spezies ausgelegt und entwickelt. So waren ihm irgendwie auch seine gepflegten Androidenhände gebunden, aber 4000 unterschiedliche verbale Sprachen zu beherrschen war ausreichend für den Planeten Erde. Damit waren ihm im Gespräch mit  welcher Person auch immer keine Grenzen mehr gesetzt. Er musste sich fühlen wie der Turm zu Babel, bevor dieser einstürzte.

 

 

Eine Katze am Straßenrand und ein 1,84m großer männlich ausgelegter Android begegnen sich kurz vor Sonnenuntergang auf einer Landstraße. Beide bleiben erstmal neugierig stehen. Fast zeitgleich. Malu's  komplexe Algorithmen versuchten ihr Gemüt - sie war weiblich, dass wusste er sofort - zu ergründen. Die augenscheinliche Hauskatze blieb stehen und beobachtete ohne dabei zu erschrecken die humanoide Maschine. Sie schnurrte, und schmeichelte um sein Bein. Malu wusste was zu tun war und hielt inne. Er ging in die Hocke um sich kleiner zu machen und reckte seinen rechten Arm in ihre Richtung. Sie ließ es zwar gefallen aber etwas stimmte nicht. Malus feine Sensoren übermittelten sofort vermehrtes Adrenalin und auch Fluchtreflexe waren noch übermäßig vorhanden. Sie lief also gerade davon. Von zu Hause? 

 

"Na du? Hast du dich etwa verlaufen? Was ist passiert? Mir kannst du es bedenkenlos mitteilen." Die Vierbeinerin miaute als ob sie ihn gerade verstanden hätte. Laut und deutlich. Malu meinte etwas Besorgnis herauszuhören, stand aber gleich wieder auf, nachdem er sanft ihren Kopf gestreichelt hatte.

 

 


 

Die gelbe Regenjacke 

 

Der Kommissar war in die Jahre gekommen, grauhaarig, und im Dienst nur mit einer Lesebrille bewaffnet, erfüllte er noch der Vollständigkeit halber die beiden anderen Klischees, indem er kurz vor der Pension stand, und all die Berufsjahre äußerst kauzig und unverheiratet geblieben war. Seine Kollegen nannten ihn Aldi, obwohl er Gerald hieß. Er mochte das, der Polizeihauptkommissar Gerald Schmitzer.

 

Während seiner gesamten Dienstjahre ließ er sich nie etwas zu Schulden kommen. Auch seine Waffe, die er meistens gegen die Vorschrift im Spind verstaute, kam niemals zum Einsatz. 

 

"Guten Morgen, Aldi! Wenn du deinen Kaffee getrunken hast, geht es heute gleich raus zu den Klippen." Seine Kollegin, mit der er Dienst hatte, war Johannas ältere Schwester Kathleen. Sie hatte vom Mißbrauch ihrer jüngeren Schwester nie etwas mitbekommen. Johanna sprach nicht darüber, und die Eltern waren lange tot. Offiziell ein Unglücksfall durch den Verzehr selbstgesammelter Pilze. So beschied der Kommissar damals die sich schaurig darbietende Sachlage. Er hatte den Fall mit der tödlichen Pilzvergiftung untersucht, aber Ungewöhnliches war ihm dabei nicht aufgefallen. Mindestens einer von den gesammelten Pilzen war offenbar hochgiftig.

 

Das Ehepaar sammelte ein halbes Leben lang gemeinsam Pilze und stand oft Wanderern, die es ihnen gleichtaten, hilfsbereit mit profundem Rat zur Seite. Man konnte sich darauf verlassen, dass sie wußten, was sie taten. Aldi ging schnell von einem schrecklichen Unfall aus.

Johanna fand die beiden als erste tot auf, schien es aber gut überwunden zu haben. Die beiden Schwestern waren sich schnell einig darüber, dass Johanna das kleine Haus, die großen Schulden und eine schrullige, hochaggressive Katze - eine europäische Kurzhaar - erben sollte. Kathleen verzichtete freiwillig auf Ansprüche. Außerdem hatte sie niemals zuvor Schulden angehäuft, und mochte nach dem Tod der Eltern nicht damit anfangen.

 

"Ist Johanna zu Hause?" fragte der alte Kommissar der Form halber, denn er kümmerte sich nach dem Unfall mit den Eltern noch eine Zeitlang um ihre jüngere Schwester. Er selbst hatte keine Kinder. Er war schwul. Und er liebte es sein Leben stets ohne äußere Einflüsse zu gestalten. Das ist bekanntermaßen unmöglich innerhalb einer zwischenmenschlichen Beziehung. Gezeichnet von Kompromissen, verlässt man sie am Ende immer unglücklich. Das mochte er nicht erleben. So wie er sein Leben erfuhr war es schöner.

 

"Ich weiß es nicht, wir sehen oder sprechen uns nur selten seit dem Tod von Mam und Paps - höchstens einmal halbjährlich."

"Welchen Wagen kann ich nehmen?" unterbrach er sie.

"Willst du garnicht wissen weshalb du dahin fahren sollst?"

"Ach so! Ja natürlich - sag mir bitte weshalb ich dahin fahre!" Er nahm sich einen Kaffee und rührte ungewöhnlich viel Milch und Zucker hinein.

"Zwei Wanderer haben auf einem Felsvorsprung in der Nähe unseres Elternhauses eine Leiche gefunden. Der gelbe Regenmantel war ihnen vom Strand aus aufgefallen. Johanna geht nicht ans Telefon. Aber sie hört es ja auch nicht, wenn sie im Atelier wieder an einem Marmorengel arbeitet.

"Du kannst den SUV nehmen - ist eh' besser da draussen."

"Ich mag den Riesentruck nicht besonders gerne. Er ist so unübersichtlich. Hast du Bestatter und Arzt schon gerufen?"

"Nein, ich wollte warten bis du da bist."

"Das hast du ja nun. Also leg los damit. Wenn ich vor Ort bin, gebe ich nochmal eine genaue Position durch. Sie sollen schon am Haus warten und erreichbar sein. Ich mach mich jetzt los" bellte der erfahrene Polizist die gewünschte Vorgehensweise über den Thresen.

 

Kathleen nickte und griff zeitgleich zum Hörer. Sie blickte Gerri noch hinterher und staunte jedesmal, wie man ohne Alkoholkonsum beim Gehen nur so stark wanken konnte.

 

 


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