Ich küßte einen Engel

 Kapitel 4.1   |   Kapitel 4.2   |   Kapitel 4.3   |   Kapitel 4.4  


Kapitel 1

 

Johanna hatte schon immer wenig Geld. Deshalb bediente sie zusätzlich noch Aushilfsweise in einem kleinen romantischen Straßencafé. Hauptberuflich bringt sie sich mehr schlecht als recht mit der Restauration von Grabmalen durch ein entbehrungsreiches Leben. Sie ist ausgebildete Steinbildhauermeisterin. Aber als Frau wird sie in diesem Beruf nur schwer anerkannt. Ausserdem ist sie ja auch noch spezialisiert - sie lebt keineswegs davon freie Künstlerin zu sein. Einzig ihr kleines Häuschen an der Küste, lies etwas finanzielle Unabhängigkeit vermuten.

 

Sie erbte es  zusammen mit Schulden und einer Katze von ihren Eltern. Beide waren vor 4 Jahren am selben Tag an einer Pilzvergiftung verstorben. Eigentlich ein schrecklicher Schicksalsschlag.

Als sie nach Hause kam, hatten die zwei Altvorderen den qualvollen Todeskampf bereits verloren. Johanna fand ihren Vater im Badezimmer vor der Kloschüssel. Überall Erbrochenes. Sein Gesicht war grünblau angelaufen und seine Augen quollen blutunterlaufen unnatürlich stark aus den Höhlen. Froschgesichtig lag er da. Sogar die Hautfarbe seiner Wangen schien sich diesem ekeligen Eindruck  anzuschließen.

Ihre Mutter saß auf dem Sofa mit dem Telefonhörer in der skurril verkrampften Hand. Wie eine Froschkönigin, die gerade ihr Zepter schwingen möchte. Bizarr.

Johanna, eine schlanke hochgewachsene Frau mit unregelmäßig geschnittener Kurzhaarfrisur, behielt die Ruhe. Sie nahm ihrer Mutter den Hörer ab, streichelte nochmal sanft die mit verbeulten Krampfadern überzogene Hand, und legte auf.

 

Ihre grünbraunen Augen leuchteten ungewöhnlich hell an diesem Tag, doch sie wollte lieber Ruhe. Bloß keine Menschen, Fragen, Geräusche oder alles was dann in so einem Fall als Lawine zur lückenlosen Aufklärung auf dich zurollt. Dich erdrückt. Dich zerquetscht, wie ein Schuh den Käfer. Wie ein Vater seine Tochter, wenn er sich an ihr vergeht. Sie genoss den Augenblick der freien, persönlichen Entscheidung über das Einläuten des notwendigen Prozedere, wie eine leichte Brise, die erfrischend durch ihr Sommerkleid blies. Sie trug zwar einen BH, doch ihre Nippel zeichneten sich deutlich ab.

 

Sie war frei. Und sie wollte ein Stück vom süßen Kuchen der Freiheit genießen. Gäbelchen für Gäbelchen. Sie genoss ihn so sehr, dass sie dabei eine leichte  Erregung verspürte. Ihre Hand glitt zwischen ihre Beine und die Freiheit war aufregend und feucht. Schnell ging sie in ihr Zimmer, legte sich zu Bett und masturbierte unter der Decke, die sich sich dabei stets über den Kopf zog. Ihr Lustempfinden nahm in diesem dabei entstehenden pseudotropischen Atemklima rapide zu. Sie kam schnell, kräftig und laut. Fast wie ein Mann. Nur mehrmals hintereinander in kurzen Abständen. Heute war sie endgültig frei. Ihre Finger waren noch klebrig, als sie befriedigt ihre Wange auf die Hand drückte.

 

Obwohl sie schon Ende zwanzig war, lebte sie noch bei ihren Eltern. Es bedrückte sie zumeist. Ihr Vater war ein Schwein und ihre Mutter war feige. Das erste mal, seit sie denken konnte, schlief Sie ohne Alpträume. Ein weisser kleiner Porzellanengel erschien Johanna in diesem Traum. Er holte Leichenteile aus einem offenen Grab, fügte sie zusammen, und erweckte die so entstandene Person mit einem Kuss zum leben. Das Menschenkind war in diesem Traum ein Mädchen. Es war sie selbst - Johanna, unbefleckt, unschuldig und neugierig auf die Welt, die sie durch ihre blinzelnden Augen begann auf's Neue wahrzunehmen.

 


Kapitel 2

 

Eine gute Lüge ist immer nur so gut, wie das Maß der Wahrheit mit dem sie sich schmückt. Die perfekte Lüge besteht also fast ausschließlich aus Wahrheiten. Der perfekte Mord kennt ja schließlich auch keine Leiche. Ich will erst gar nicht damit angeben, besonders geschickt zu lügen, aber wenn es sein muß und wenn die Zeit für die Vorbereitung reicht, bin ich der absolut beste Schwindler, den ich kenne.

 

Bei meiner letzten Therapiesitzung befand ich mich in der ungewöhnlichen Situation für jemand anderen zu lügen. Ich log ausgerechnet für einen Androiden. Vielmehr log ich passiv. Durch Unterlassung. Ich unterließ es zu erzählen, wobei ich diesen Androiden beobachtete. Ich habe grundsätzlich die Bürgerpflicht jede Straftat eines anderen Bürgers zu melden. Das ist erstmal nicht ungewöhnlich, aber wenn es sich dabei um einen MALU handelt, sollte das Interesse mich und meine Spezies zu schützen, in einem Maße zunehmen, das es mir bei gesundem Menschenverstand gebietet, dies ohne jede Umschweife anzuzeigen.

 

Erschwerend ergab sich der merkwürdige Umstand, dass der mir immer wieder das Leben rettete - dazu später mehr - deshalb kannte ich ihn und war befangen. Dem Therapeuten erzählte ich also nur den Teil der Geschichte, der sich abspielte, als Malu wieder fort war. Ich berichtete ihm deshalb von einem recht seltsamen und detailreichen Traum und war neugierig darauf, wie er ihn deuten würde:

 

"Ich sammle sie. Engelsfiguren. Leidenschaftlich. Seit Jahren schon. Es fing damit an, dass ich einen Gefallenen unter ihnen beiläufig vor der Hölle bewahrte. Wie ich sie im vorbeigehen entdeckte, die Engelsfrau, brutal zerstückelt und trostlos in einem Container für Bauschutt entsorgt. Kein Blut. Aber überall verstaubte Leichenteile.  Kein Gedanke an die Polizei. Aber schnell, fast reflexartig begann ich alle Stücke ihres Körpers in einem mitgeführten Rucksack zu sammeln. Er war zum Glück groß genug. Zuerst hielt ich ihren Kopf in der Hand. Es fehlten ein paar Haare und ein Stück von der Nase. Dennoch war sie nach dieser sinnlosen Verstümmelung immer noch wunderschön anzusehen.

 

Sie blickte mich nach Hilfe suchend an. Obwohl dies ohne jede Frage bizarr anmuten musste, wollte ich mich sofort  in sie verlieben. "Vielleicht kann ja ein Kuss aus tiefstem Respekt diesem geschändeten Körper wieder Leben spenden?" dachte ich noch leise bei mir, während es mich überkam. Sie erwiderte ihn zu meiner großen Überraschung und zunehmenden Freude. Ohne jeden Scham oder Ekel durchwühlte ich den Baustellenabfall nach Füssen, Fingern, einer Locke oder Allem was ich sonst noch von ihr finden konnte. Jetzt, da ich wusste dass diese Überreste noch Liebe und Leben in sich bergen, wollte ich sie unbedingt so vollständig wie möglich nach Hause bringen. Mir würde dort schon noch einfallen, wie ich sie wieder zusammensetzen konnte. 

 

Überall mit rotem und weißem Staub bedeckt kam ich außer Atem zu Hause an, und lehrte den Rucksack auf den hell beleuchteten Küchentisch. Da lag sie nun ausgebreitet und neonbestrahlt vor mir. Ihr Blick war unvermindert hilfesuchend. In meiner verzweifelten Not wusste ich mir nicht anders zu helfen, als die Einzelteile erstmal mit Klebstoff zusammen zu führen. Langsam und in mühsamer Kleinarbeit entstand so inmitten meiner Küche eine kleine hockende Engelsfigur - vergaß ich zu sagen, dass sie aus Porzellan war? - die verträumt und melancholisch etwas bewacht. Bis auf die Blume in ihrer Hand ließ sie sich wieder vollständig rekonstruieren, und bewacht heute verträumt und melancholisch meine nimmermüde Liebe zu Engeln...."

 

 

 


Kapitel 3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Kapitel 4