Spiegelspiel

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Kapitel 3.1

Die gelbe Regenjacke

 

Der Kommissar war in die Jahre gekommen, grauhaarig, und im Dienst nur mit einer Lesebrille bewaffnet, erfüllte er noch der Vollständigkeit halber die beiden anderen Klischees, indem er kurz vor der Pension stand, und all die Berufsjahre äußerst kauzig und unverheiratet geblieben war. Seine Kollegen nannten ihn Aldi, obwohl er Gerald hieß. Er mochte das, der Polizeihauptkommissar Gerald Schmitzer.

 

Während seiner gesamten Dienstjahre ließ er sich nie etwas zu Schulden kommen. Auch seine Waffe, die er meistens gegen die Vorschrift im Spind verstaute, kam niemals zum Einsatz. 

 

"Guten Morgen, Aldi! Wenn du deinen Kaffee getrunken hast, geht es heute gleich raus zu den Klippen."

Seine Kollegin, mit der er Dienst hatte, war Johannas ältere Schwester Kathleen. Sie hatte vom Mißbrauch ihrer jüngeren Schwester nie etwas mitbekommen. Johanna sprach nicht darüber, und die Eltern waren lange tot. Offiziell ein Unglücksfall durch den Verzehr selbstgesammelter Pilze. So beschied der Kommissar damals die sich schaurig darbietende Sachlage. Er hatte den Fall mit der tödlichen Pilzvergiftung untersucht, aber Ungewöhnliches war ihm dabei nicht aufgefallen. Mindestens einer von den gesammelten Pilzen war offenbar hochgiftig.

 

Das Ehepaar sammelte ein halbes Leben lang gemeinsam Pilze und stand oft Wanderern, die es ihnen gleichtaten, hilfsbereit mit profundem Rat zur Seite. Man konnte sich darauf verlassen, dass sie wussten was sie taten. Aldi ging schnell von einem schrecklichen Unfall aus. Johanna fand die beiden als erste tot, schien es aber gut überwunden zu haben. Die beiden Schwestern waren sich schnell einig darüber, das Johanna das kleine Haus, die grossen Schulden und eine schrullige, hochaggressive Katze - eine europäische Kurzhaar - erben sollte. Kathleen verzichtete freiwillig auf Ansprüche. Ausserdem hatte sie niemals zuvor Schulden angehäuft, und mochte nach dem Tod der Eltern nicht damit anfangen.

 

"Ist Johanna zu Hause?" fragte der alte Kommissar der Form halber, denn er kümmerte sich nach dem Unfall mit den Eltern noch eine Zeitlang um ihre jüngere Schwester. Er selbst hatte keine Kinder. Er war schwul. Und er liebte es sein Leben stets ohne äußere Einflüsse zu gestalten. Das ist bekanntermaßen unmöglich innerhalb einer zwischenmenschlichen Beziehung. Gezeichnet von Kompromissen, verlässt man sie am Ende immer unglücklich. Das mochte er nicht erleben. So wie er sein Leben erfuhr war es schöner

 

"Ich weiß es nicht, wir sehen oder sprechen uns nur selten seit dem Tod von Mam und Paps - höchstens einmal halbjährlich."

 

"Welchen Wagen kann ich nehmen?" unterbrach er sie. "Willst du garnicht wissen, weshalb du dahin fahren sollst?"

 

"Ach so! Ja natürlich - sag mir bitte weshalb ich dahin fahre!" Er nahm sich einen Kaffee und rührte ungewöhnlich viel Milch und Zucker hinein.

 

"Zwei Wanderer haben auf einem Felsvorsprung in der Nähe unseres Elternhauses eine Leiche gefunden. Der gelbe Regenmantel war ihnen vom Strand aus aufgefallen. Johanna geht nicht ans Telefon. Aber sie hört es ja auch nicht, wenn sie im Atelier wieder an einem Marmorengel arbeitet.

 

"Du kannst den SUV nehmen - ist eh' besser da draußen."

 

"Ich mag den Riesentruck nicht besonders gerne. Er ist so unübersichtlich. Hast du  Bestatter und Arzt schon gerufen?"

 

"Nein, ich wollte warten bis du da bist."

"Das hast du ja nun. Also leg los damit. Wenn ich vor Ort bin, gebe ich nochmal eine genaue Position durch. Sie sollen schon am Haus warten und erreichbar sein. Ich mach mich jetzt los" bellte der erfahrene Polizist die gewünschte Vorgehensweise über den Thresen. Kathleen nickte und Griff zeitgleich zum Hörer. Sie blickte Gerri noch hinterher und staunte jedesmal, wie man ohne Alkoholkonsum beim Gehen nur so stark wanken konnte.

 

 


Kapitel 3.2

Schmerzfrei

 

Mir geht's nicht gut. Der Zahn oben links. Meine Zunge fühlt sich durch die sinnlosen Versuche, den Schmerz wegzulecken schon wundgescheuert an. Der Wein schmeckt deshalb auch nicht mehr. Ich bestelle hier in meinem Lieblingslokal immer Weißburgunder Schaumwein. Meine Zunge beginnt wegen einer dentalen Unvernunft zu rebellieren. Küssen würde sie lieber. Viel lieber. Aber nur unverletzt – in Gedanken. Mein Freund hat mir erzählt wie wichtig es sei, sich beim Küssen gut zu verstehen. Ich war mit einer Frau zusammen, die mich durch Küssen sogar ganz leicht erregte. Je besser das mit dem Küssen passt, desto schwerer fällt es dir, die Beziehung zu beenden, fasse ich gedankenverloren für mich zusammen. Blödsinn? Leck mich doch! Mit deiner Zunge.

 

Mein Ellenbogen kippelt mit einer leichten Berührung das volle Glas. Wie in Trance beobachte ich, was sich in Zeitlupe abzuspielen scheint. Einer sich drehenden Münze gleich überlegt sich das Glas der Erdanziehung nachzugeben – und fällt zu Boden. Wie ein Selbstmörder der in der 8. Etage am Geländer hängt und loslässt. Aus freien Stücken. Befreiend. Klatsch. Ich blicke auf den Scherbenhaufen zu meinen Füßen und verstehe das Bild.

 

Mein Leben läuft gerade gar nicht rund. Vor sechs Wochen ist sie ausgezogen, nachdem sie mich mit einer anderen erwischte. Ich lebte dort durch ihre Gnaden zur Untermiete und habe vermutlich meine Dankbarkeit zu sarkastisch erwiesen. Ein Woche später folgte die Kündigung, weil sie als Zahnarzthelferin für den Vermieter arbeitete. Ich musste bald darauf meinen Führerschein abgeben, weil ich die rote Ampel nach 2,4 Sekunden überfuhr. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Auto war Schrott. Der Ampelmast blieb unbeschädigt in der Mitte meines Motorblocks stehen. Fast trotzig. Die Polizei hinderte mich daran, die Nummernschilder abzureißen um damit wegzulaufen. Als ich vor drei Wochen das Geld für die Kaution einer kleinen Remise bezahlten wollte, wurde die Kontokarte vom Geldautomaten einbehalten. Ganz schön gierig für jemanden, der eigentlich zum Ausspucken erdacht wurde. In meiner Not fragte ich meinen Chef nach einem Vorschuss. Entweder zu undiplomatisch oder zu ehrlich. Oder beides. Drei Tage später war ich fristlos entlassen. Die Begründung lautete irgendwas mit beruflich relevanten Voraussetzungen. Als angehender Immobilienmakler mit Kontakten in betuchtere Kreise einleuchtend. Zu ehrlich also. Keine Freundin. Keine Wohnung. Kein Auto. Keine Fahrerlaubnis. Kein Geld. Kein Job. Kein Zahnarzt.

 

Trotzdem keine Lust auf Frust. Wegen Johanna. Sie arbeitet hier als Bedienung und ist mein Engel. Bevor ich dem Glas hinterher springen konnte, war sie schon mit einem neuen da. Sie lächelt mich an und lässt mich während sie die Scherben auf eine Kehrschaufel fegt, tief blicken. Der Tag ist gerettet. Vielleicht kann ich ja bei ihr schlafen. Ich bin ein unverschämter Optimist. Ich bin es gerne, wenn es hilft.

 

Am frischen Sektglas schlürfend, sehe mir ungeniert Johannas  wunderschöne Nippel an. Groß und süß wie Kirschen. Engelskirschen. Ich fühle mich irgendwie ertappt, obwohl mir gerade das schlechte Gewissen fehlt. Auf der anderen Straßenseite fällt mir ein weißhaariger Penner mit Rauschebart auf, der seinen ganzen Hausrat in Plastiktüten an ein Fahrrad geschnallt durch die Gegend schiebt. Er macht es langsam und winkt leicht gruselig. Bestimmt stinkt er bestialisch. Ob er eine Frau findet, die mit ihm ungewaschen schlafen würde oder Oralverkehr nicht ablehnt? Der Sekt schmeckt mir jetzt wieder. Mir geht es gut. Ich habe alles, was ich zum Glück benötige. Tatendrang und Dekadenz. 

 

„Johanna?" „Ja, bitte?", während sie mich von unten anblickt, werden ihre Augen groß und rund. „Kennst du den alten Spinner, den sie Professor Zeitkugel nennen?" Ich hebe mein Glas. Er ist hier früher öfter Gast gewesen, bevor er den Schlaganfall hatte." „Weißt du, wo er wohnt?" Sie erhebt sich und hält Schaufel und Besen in beiden Händen so fest, dass sich ihre Knöchel dabei weiß färben. „Bei mir ganz in der Nähe. Am Waldrand. Der Wald auf dem Weg zur Küste ..." Ich unterbreche sie. „Ah! Ist es etwa dieses verfallene Haus mit der schrägen Krokodilzucht auf dem Grundstück?" „Ganz genau. Seine Frau züchtet Krokodile. Was willst du da?" Sie drehte sich zum Mülleimer und senkte die Schaufel, so dass die Scherben leicht widerwillig unter Klirren hineinrutschten. „Ich will mir dort eine Remise ansehen." „Du ziehst um?", wollte sie neugierig erfahren. „Ich brauche Tapetenwechsel. Bei mir befindet sich derzeit alles in einer Metamorphose." „Aha!? Willst du darüber reden? Ich habe in einer Stunde Feierabend." Was für ein Angebot! Das Schicksal meint es gut mit mir, dachte ich. „Kann ich anschreiben?" „Du bist auch noch blank? Aber nur bis Ende der Woche, dann ist mein Chef wieder da." „Dafür verspreche ich dir eine absolut unglaubliche Geschichte darüber, was ich in den letzten sechs Wochen so alles erlebt habe. Mach dich auf was gefasst ..."

 

 


Kapitel 3.4

Therapie

 

Wir müssen alle zur Therapie. Einmal die Woche. Ab dem vollendeten zwölften Lebensjahr trifft es jeden Bürger. Das Prozedere wird staatlich kontrolliert und seit der Einführung ging die Anzahl der Gewaltverbrechen um mehr als 75% zurück - innerhalb einer Dekade. Die Tendenz gestaltet sich weiterhin positiv, doch längst nicht mehr mit den rapiden Erfolgen der Anfangszeit.

 

Auch die Androiden werden dieser Gesprächskontrolle unterzogen. Diverse Gremien aus Klerikern, Philosophen, Künstlern, Soziologen und Psychologen haben bei der Inbetriebnahme der ersten Roboter in Menschengestalt ihre Bedenken geäußert und man einigte sich in Absprache mit Industrie und Politik auf dieses effiziente und effektive Kontrollwerkzeug. Es half in der breiten Masse der Bevölkerung Vertrauen gegenüber den Mensch-Arbeit-Lust-Universalrobotern - kurz 'MALU' - zu zurückzugewinnen. So existiert auf einhundertausend Einwohner lediglich ein einziger. Wobei sich, egal ob weiblich oder männlich, ein Unterschied zu ihren Pendants aus Fleisch und Blut mit bloßem Auge nicht ausmachen lässt. Die Produktion eines einzigen Exemplares ist extrem teuer und kostet ein kleines Vermögen - auch verschlingt sie viele der knappen in der Natur vorhandenen Recourssen. Die Regierung reglementiert die Anzahl, damit sie leichter die Kontrolle behalten kann - denkt sie jedenfalls.

 

Dadurch  entwickelte sich jedoch so ganz nebenbei noch diese eine ungewöhnliche Neuerung - der bereits erwähnte regelmäßige Therapiebesuch aller menschlichen Bürger mit dem unerwarteten, aber höchst erfreulichen Trend des starken Rückganges von Kriminalität in ausnahmslos allen Bereichen. Gewalt, Betrug, Nötigung, Erpressung, Raub und Diebstahl - besonders Beleidigungen und Bagatellstraftaten verschwanden aus dem Alltag. Wer hätte das gedacht? Dank regelmäßiger Plauderstunden mit einem staatlich ausgebildeten Seelendoktor. Schwätzer. Klugscheißende Fragensteller.

 

Ich halte mich da in meinem schwelenden Narzissmussteppenbrand für ausreichend selbstreflektiert. Ein wenig anmaßend mag das ja sein, aber seit der  Abschaffung privater Nutzung des Internets mussten sie ja unbedingt irgendwie die Kontrolle behalten.  Egal. Gleiches Recht für alle und so lange die Welt dadurch sicherer wird, gibt ihnen der Erfolg einfach das Recht in unser Hirn zu sehen. Früher haben sie uns über sogenannte Smartphones ungeniert ausspioniert, heute fragen sie uns direkt. Und sie merken wenn du Lügst. Oh ja, das tun sie! Wer beim Lügen erwischt wird muss dann zweimal die Woche ran. Der Therapeut entscheidet - selbständig - wie lange.

Von anderen höre ich, dass es beim Strafrundenlauf auf die Schwere der Lüge ankommen soll. Entweder, so denke ich, hörst du am besten auf damit, oder du wirst verdammt gut darin. Einen geschulten Staatspsychologen zu hintergehen, setzt enormes Talent und Dreistigkeit in ebensolchem Maße voraus.

 

 


Kapitel 3.4

 

Dr. Reinhardt war ein junggebliebener Mann. Er widmete sein Leben ausgiebig der Forschung. Insgeheim hoffte er früher oder später für eine Professur vorgeschlagen zu werden. Ein landesweit anerkannter Spezialist für apathische Schizophrenie. Dr. Christoph Reinhardt. Doktor der Psychologie. Eine wahrhaft abenteuerliche Spezialisierung für sozialwissenschaftlich interessierte Menschen. Er war groß gewachsen und auch sonst von respekteinflößender athletischer Statur.

 

Er benötigte nur selten die Hilfe eines Pflegers, wenn einer seiner Patienten im Begriff war, explosionsartig auszurasten. Der 5. Dan in Karate kommt ihm dabei hilfreich zugute - und zum Finden der in sich ruhenden Ausgeglichenheit nach getaner Arbeit - dem Tao.

 

Wenn alles nichts hilft, spielt er außerdem in seiner Freizeit recht ordentlich Klarinette. Er spielt nie vor Publikum und seine Geliebte weiß auch nach dem ersten halben Jahr nichts davon. 

 

Derzeit arbeitet er an einer sehr eigenwilligen und wissenschaftlich geprägten Untersuchung. Seine Idee ist es, eine Handvoll ausgesuchter Patienten während extrem apathischer Schübe unbemerkt zu beobachten, um herauszufinden, ob sie nicht doch etwas Spezielles dazu bewegt, was mit den später spontan einsetzenden Aktionsschüben in Verbindung gebracht werden kann. Sein absoluter Lieblingsproband hat den schrullig anmutenden Namen Matheus Stern. Eigentlich Professor Dr. Matheus Stern. Dieser Patient begann seine akademische Laufbahn ursprünglich als begnadeter Mathematiker und wechselte später in die philosophische Fakultät.

 

Prof. Dr. Stern beschäftigte sich sowohl mathematisch, als auch philosophisch ausnahmslos mit dem Temporalphänomen. Zuerst, in jungen Jahren, versuchte er mathematisch zu erklären, weshalb Zeitreisen möglich sind, aber die nicht zu unterschätzende Gefahr einer Zeitschleife bergen. Seiner theoretischen  Annahme folgend, gibt es die Zeit nicht als linear verlaufendes Phänomen, sondern sie umgibt jedes Individuum wie die Haut einer Kugel. Die Person stellt mit der Empfindung das die Zeit vergeht, dabei den Mittelpunkt dar. Wenn Zeit, so dachte er, dabei permanent und rasend schnell hin und zurück wandert, so wären vermutlich Zeitreisen möglich.

 

Zuletzt, nachdem er aus Erklärungsnot von der Mathematik in den philosophischen Fachbereich gewechselt war, und auch hier an einer erfolglosen Beweisführung scheiterte, versuchte er den Beweis fotographisch festzuhalten.

 

Er wurde aber dabei verrückt, vielmehr erkrankte er an apathischer Schizophrene, bevor es ihm gelang.

 

Dr. Reinhardt, der Psychologe, der hauptsächlich für die routinemäßige Staatstherapie eingesetzt, konnte auf diese Art zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er wollte sich auf der einen Seite beruflich weiterbilden und andererseits hatte er ein sehr privates Interesse an Zeitreisen.

 

 


Kapitel 3.5

Ertrinken

 

Ich habe wenig zu Essen im Kühlschrank. Das meiste ist verschimmelt oder angegammelt. Irgendwie sieht es künstlerisch wertvoll aus. Im Supermarkt habe ich aus Geldmangel das Brot und den Käse zurückgegeben. Den Wein nicht. Er schmeckt.

 

Ich bin zufrieden mit meiner Entscheidung. Ich will einfach nur ertrinken. Weshalb können die Menschen nicht verstehen, dass Alkoholiker und Trinker nicht dasselbe sind. Erstere haben keine Wahl. Sie sind krank. Zweitere haben eine Wahl und diese treffen sie jedesmal auf's Neue. Ich soll schreiben. Das kann ich nüchtern gut. Aber Leben kann ich nicht. Nur überleben. Mein Leben ertrinkt. Nicht ich! Aha! Ich kann also schwimmen. Prosit!

 

Alle wollen immer etwas. Irgendetwas. Per ma nent. Ich will ertrinken. Ich hasse öffentliche Verkehrsmittel. Sie sind voller Nichtschwimmer. Ich leiste mir ein Taxi. Mein Käse und mein Brot ertrinken. Meine Beziehungen auch. Ich bin stark. Deshalb ertrinke ich nicht. Ich trinke. Es schmeckt. Wohl bekomm's.

 

Meine Auftraggeber sind Nervensägen. Ich wünsche ihnen Ratten am Sack, die ihnen die Eier abnagen. Ich soll liefern. Guten Wein könnte ich sofort liefern. Gute Geschichten? Zu betrunken!

 

Meine Miete ist fällig. Meine Story auch. Johanna erwartet, dass ich sie  glücklich mache. Sie mag es. Sie nennt es ertrinken. Ich nenne es Sklavenhaltung. Ich bin ein Sklave. Nicht der Trinkerei. Nein! Ich bin ein Sklave des Systems. Alle wollen etwas. Ich trinke um mich zu verschieben. Ich verschiebe mich aus den frustrierenden Tatsachen hinaus. Aus dem Frust. Gin Gin. Wenn ich weiter trinke, macht es mehr Spaß. Ertrinken macht frei. Schon mal in einem Schwimmbad festgestellt, dass wir beim Tauchen in der Lage sind uns dreidimensional fortzubewegen? Beim Trinken auch! Früher war ich da inkonsequent. Ich soff alles. Auch die harten Sachen. Heute nicht mehr. Heute ertrinke ich mit Stil. Salute. Ich trinke teuer. Ich ertrinke Champagner. Mein Brot guckt blöd aus der Wäsche. Mein Käse kann sich keine Wäsche mehr leisten. Beide werden zurückgelassen. Für die Mission. Ertrinken. Ich kann mir niemals etwas leisten und erlebe so vieles. Mehr als die meisten Menschen mit Geld. Geld ist zweidimensional. Ertrinken nicht. Wenn ich trinke erlebe ich alles dreidimensional. Komplett. Vollständig. Aber ich höre auf damit, produktiv zu sein. Mist! Oder? Oder ist alles nur ein Trugschluss? Ich soll etwas erschaffen und dafür Geld bekommen? Ich soll ein Hamster im Rad werden, damit mich jemand füttert. Ich soll sozusagen rund laufen. Nicht trinken. Verstehe. Cheerio.

 

Fick dich, System. Ich ertrinke lieber. Johanna wollte nicht, dass ich trinke. Aber sie wollte Champagner und gefickt werden. Wenn ich ertrinke bin ich gut im Bett. Sie genoss es. Und sie hasste es. Hinterher. Ich hasse schwimmen. Ertrinken ist Stille. Absolute Stille. 

 

Jetzt versuche ich zu atmen. Wasser füllt meine Lungen. Es sticht. Ich ertrinke. Es ist kalt und dunkel. Ich habe Tiefenangst. Ich ertrinke in meiner Angst. Die Lunge sticht. Mir wird schwindelig. Das Licht geht aus. Ich greife ins Nichts. Der Vorhang fällt. Ich sinke. Eine Hand greift nach mir und packt mich am Oberarm. Sie ist so stark, daß der Muskel massiv gequetscht wird. Die Schmerzen wecken mich auf. Ich sehe ein Licht. Hell und weiss. Ich werde an Land gezogen und am Strand auf den Rücken gelegt. Verdammt. Was kommt jetzt? Ich wollte ertrinken. Ich war mit mir schon im Reinen. Mit Allem. Ich hatte abgeschlossen. Jemand presst seine Lippen auf meine und pumpt Luft in beide Lungenflügel. Obwohl sie voller Wasser sind. Ich kann nicht sprechen mit dem pustenden Mund auf meinem. Ich huste und erbreche Wasser. Tausend Liter ekelhaftes Salzwasser. Ich kotze unendlich und merke dabei, dass mir zwei bis der Rippen gebrochen wurden. Mein Retter hat wohl eine Herzrhythmusmassage versucht. Toll. Aua! Ich bin nicht ertrunken. Ich bin wieder da.

 

Meine Augen sehen in ein künstlich wirkendes Gesicht. "Ich heiße Malu und habe sie vor dem Ertrinken gerettet. Ich rette sie andauernd. Sie stürzten von der Klippe. Ich war zufällig in der Nähe."