Das Zeitkugel Experiment

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Kapitel 1

 

Fotografieren war seine Welt. Seine Leidenschaft. Die einzige. Alte Schule. Analog. Manchmal versteckte er stundenlang am Stück sein karges, farbloses Gesicht hinter dem Sucher einer Spiegelreflexkamera, ohne die er wirklich niemals das Haus verließ. Es war stark verfallen und dringend renovierungsbedürftig. Das störte ihn aber keineswegs. Nah am Waldrand gelegen, brauchte er nur vor die Türe zu gehen, um die authentische Ruhe der Natur lichtmalerisch erfassen zu können.

 

Es waren auch nicht die typischen Tiermotive oder Landschaftsaufnahmen, die den Reiz seiner Fotografien ausmachten. Es war lediglich die vorhandene Ruhe. Meist so intensiv im Abstrakten, dass ihm lediglich das Spezielle beim Betrachten erhalten bleiben konnte. Aber er musste sich auch niemanden erklären, denn er mochte nur sehr wenig Menschen und mied sie, wo er nur konnte. Deshalb die charmante Bruchbude neben dem Forst.

 

Fast wie ein Soldat im Schützengraben lag er auf der Lauer. Er spähte und beobachtete durch eine Vielzahl diverser Objektive unterschiedlichster Ausführung. Makro, Weitwinkel, Zoom. Auge. Finger. Klick. Oder er versteckte sich lautlos vor zufällig erscheinenden Spaziergängern. Niemals drückte er dann auf den Auslöser, auch wenn er sie dabei ohne Unterbrechung, fast zwanghaft, so lange beobachten musste, bis er die ungewollten Störenfriede auch mit der stärksten Zoomeinstellung nicht mehr erfassen konnte. Dann waren sie wieder weg. Endlich alleine.

 

Die Zeit wollte fast stehenbleiben. So wurde sein Traum zu einem weiten, gemächlich dahinfließenden Strom. Und er schwamm darin. Mit hungrigen Krokodilen. Uralte bizarre Flusskrokodile. Sie fressen die Zeit und sie scheißen die Angst. Da war er wieder gewesen – so ein Moment, in dem er die Unendlichkeit der Ruhe entdeckte. Klick. Klick. Nochmal klick. Zur Sicherheit. Für die spätere Auswahl in der Dunkelkammer. Sie sollten irgendwann bezeugen, was nur ihm aufgefallen war.

 

Die Zeit hat ein Gesicht. Ein speckiges, rotbackiges und properes Gesicht. Die Zeit ist gesund. Sie steht voll im Saft. Das haben die Krokodile schon lange gemerkt. Die gierigen Angstscheißer. Er war im Frieden mit sich und der Welt, wenn er so da lag – im feuchten hohen Gras. Klamm, aber zufrieden.

 

Manchmal, wenn er wieder auf der Lauer lag, den sagenhaften Augenblick jagend, in dem selbst der Zeiger seiner monoton tickenden Armbanduhr innehielt, kroch eine fette Nacktschnecke über den Rücken seiner auslösenden Hand. Sie hinterließ dabei zumeist eine prägnant glänzende Spur. Schleim. Genau wie die Zeit, dachte er dann bei sich. Nachdem sie von den Krokodilen gefressen wurde, hinterlässt sie auch immer die glänzende Spur der Angst. Vorher vergeht Sie aber langsam, stoisch und fast unbemerkt. Er hatte niemals Angst. Nicht vor den Krokodilen.

 

Die Schnecke kroch weiter über seinen Handrücken. Auge. Finger. Klick. Klick. Dann wieder das beruhigende Geräusch des Chronometers. Oh ja! Wie er es liebte. Zuzuhören, wie die Zeit vergeht. Die Angst vergeht nicht. Scheiße bleibt. 

 

Sie schlafen nicht, die immer hungrigen Krokodile. Er schlief auch nicht. Er wollte immer auf der Hut sein. Er gab andauernd Obacht. Klick. Auge. Finger. Klick. Noch eins. Klick. Wie ein fetter kleiner Engel in einer Barockkirche sah sie aus:  die Vergänglichkeit. Und das metronomische Ticken an seinem Arm war dazu wie ein Flügelschlag in Zeitlupe. Zu schwerfällig, um abzuheben. Zack! Ein Krokodil war wieder schneller. Klick. Klick. Finger. Klick. Dieses Mal, so fühlte er, war die Einzigartigkeit im Kasten. Das Besondere. Der bräsig fliesende Moment. Wie lange er schon nicht mehr geschlafen hatte?  Tage. Bestimmt. Auge. Finger. Klick.

 

 

 


Kapitel 2

Sapiosexuell

 

Kathleen lebte und liebte ihr einfach gestricktes Leben. Vielleicht sogar noch mehr als die Beziehung, die sie mit dem Professor führte. Fast zehn Jahre waren die beiden nun zusammen und während all der Zeit gab es keine nennenswerten Besonderheiten mit Ausnahme des ersten Augenblicks.

 

Beide lernten sich auf der Beerdigung von Kathleens Eltern kennen. Professor Stern und ihr Vater waren gute Freunde seit den Studentenzeiten. Beide widmeten sich dem Thema Zeit. Er nahm die Herausforderung hauptsächlich wissenschaftlich an. Kathleens Vater dagegen war bildender Künstler. Er schuf immerfort Marmorskulpturen, die auffallend stark der Zeitlosigkeit gewidmet waren. Hauptsächlich beschützende Engel. Ihre Schwester Johanna, wollte später den selben Weg wie ihr Vater einschlagen. Was am Anfang wie eine bezaubernde Vater und Tochter Künstlerfamilientradion begann, sollte sich für Johanna schnell zum jahrelangen  Albtraum entwickeln. Davon wusste niemand. Auch nicht Kathleen, ihre eigene Schwester.

 

Aufgrund des ausgeprägten Altersunterschiedes von acht Jahren, standen sich die beiden nicht wirklich nahe. Kathleen war auch keine Künstlerin. Sie arbeitete bei der Polizei. Im Innendienst. Kathleen war schon eine reife Frau von Mitte dreißig Jahren, als Sie ihre Unschuld verlor. Auch dies geschah sehr unspektakulär, abgesehen von der Tatsache, dass sie ernsthaft gedachte, dieses Geheimnis niemals zu lüften. Auch nicht gegenüber ihrem Lebensgefährten - dem Professor.

Er befand sich damals sichtbar im fortgeschrittenen Alterungsprozess und war bereits Ende fünfzig. Obwohl er nicht gerade mit betont männlichen Schönheitsattributen bei ihr punktete, sprach er ihre sapiosexuellen Neigungen sofort in einem Maße an, dem sie sich nicht erwehren konnte. Sie war davon fasziniert und betört zugleich.

 

Schon beim ersten Händedruck beim Aussprechen der Kondolenzen wusste sie es. Sie wollte ihr Leben mit diesem Mann vervollständigen und bat ihn noch am frischerdigen Grabeshügel, unter dem Vorwand ihr doch bitte Geschichten längst vergangener Studententage zu erzählen, ihn besuchen zu dürfen. So wollte sie auch etwas Überraschendes und Verborgenes über ihren Vater erfahren. Und sie wollte diesen Mann.

 

Selbstverständlich hatte sie einen ausgewachsenen Vaterkomplex, aber es passte zu ihrem verschlossen geführten Leben, auch das konsequent für sich zu behalten. Er war praktisch die Erfüllung langgehegter, von diversen Sehnsüchten geprägter Mädchenträume. Sie durfte in ihrem selbstgestalteten, goldenen Käfig also endlich zu einer ganzheitlich verstandenen Frau werden. Sie durfte einen Mann an ihrer Seite ehren und lieben, dem die Forschung an Zeitphänomenen wichtiger war, als Familienplanung.

 

Sie durfte sogar Reptilien züchten. Es machte Kathleen zufrieden und entspannt, nicht mehr zu bekommen, als sie ertragen wollte. Kinder waren niemals in ihren Plänen vorgekommen. Die beiden waren sogar die ersten beiden Jahre für ihre Verhältnisse ungewöhnlich stark verliebt ineinander. Zufrieden waren sie immer. Statt Glück gab es später Sicherheit. Diese harmonische, vertraute und stets wiederkehrende Sicherheit.

 

Wenn du als Außenstehender solch eine Lebensgemeinschaft  beobachtest, erfüllt es dich mit zu unterdrückendem Neid.

 

Diese Vertrautheit ist es, was dir doch selbst immerzu fehlt. Natürlich ist es nicht ganz so einfach! Auf der anderen Seite nämlich wirst du im selben Moment von der fiesen Kralle der Monotonie am Arm gepackt. Routine und Langeweile helfen dieser Monotonie beim empathischen Tauziehen mit der Sicherheit. Du mittendrin im blöden Kopfkinowettkampf der Unentschlossenheit über die effiziente Durchführung einer Partnerschaft. Jawohl!

 

Die Liebe wird wohl permanent überbewertet, angesichts der augenscheinlich unausgesprochenen Harmonie von Kathleen und Professor Stern. In ihrer Freizeit, wenn der legale Vaterersatz wieder in die Erforschung temporaler Paradoxien vertieft war, ging Kathleen hingebungsvoll einer ihrer beiden speziellen Leidenschaften nach. Sie unterhielt eine Krokodilzucht. Seit Jahren schon war sie  landesweit als erfolgreiche Amateurzüchterin bekannt und belieferte verschiedene zoologische Anstalten mit den exotischen Urzeitechsen.

 

Als künstlerische Reminiszenz an Vater und Schwester sammelte sie außerdem mit ebenbürtiger Inbrunst Literatur über Grabmäler, Engel und zeitlos wirkende Marmorskulpturen. Sogar mit einer solchen Vehemenz, dass ihr Lebensgefährte neben den Terrarien auf dem üppig ausladenden Grundstück einen eigenen, bewohnbaren und als Bibliothek bestückten Pavillon bauen lies, von dem sie die prächtig gedeihenden Krokodile beobachten konnte. Gleichzeitig entwickelte sie sich dabei zu einer ausgesprochen interessierten Spezialistin in  kunsthistorischen Fragen der Grabgestaltung - und sie glaubte bei aller pragmatischen Lebensgestaltung stets ehrfürchtig an die Existenz von Engeln.

 

 


Kapitel 2.3

Der Fehlschlag

 

Etwas muss schiefgegangen sein. Das Experiment war über Jahre im Voraus geplant. Jeder Schritt, jede Zutat, das volle Programm. Dennoch lief es mächtig aus dem Ruder.

 

Johanna fand ihn sitzend an einem Tisch, die Augen geöffnet und starr. Ein Spiegel stand vor ihm. Er stierte sich an. Sie wollte gerade eintreten, da bot es sich dar. Das Bild des geschockt wirkenden Professors, der von nun an nie wieder ein Wort über seine Lippen brachte. Er hatte ab diesem Augenblick einfach mit dem Sprechen aufgehört, obwohl er dir künftig fast immer beim Ansehen signalisieren konnte, dass er gut versteht was du von ihm erwartest. Er nickte sogar oder schüttelte hin und wieder den Kopf.

Jetzt aber sass er da, der gelähmte alte Spinner mit den weit aufgerissenen Augen. Stumm. Für immer. Johanna hielt erschrocken die Tür in der einen Hand und in der anderen den restaurierten Porzellanengel. Sie trat vorsichtig ein und stellte zuerst den Engel auf den Tisch.

 

"Professor Stern? Ist Alles in Ordnung mit Ihnen?" Auf leisen Sohlen schlich sie um den Tisch und machte erstmal eine Scheibenwischerhandbewegung vor seinem Gesicht. Keine Reaktion. Doch. Da war ein Blinzeln. Sie hatte es bemerkt. "Na wenigstens am Leben." murmelte sie leise vor sich hin.

Sie erinnerte sich noch gut an den Fund ihrer Eltern und war erstmal erleichtert. Hinter dem  bewegungslosen Versuchskaninchen entdeckte Sie das Telefon und rief ihre Schwester Kathleen auf Arbeit an. Deren Nummer kannte sie als einzige auswendig. Ihr war etwas flau und das Langzeitgedächtnis war vorerst blockiert.

"Kathleen? Ja. Stell' dir vor! Ich bin gerade hier bei Professor Stern. Seine Auftragsarbeit hatte ich seit gestern Abend fertig und jetzt sitzt der hier. Was? - Nein! - Deshalb würde ich ja auch gar nicht anrufen. Aber der sieht total geschockt aus, ist stocksteif, und spricht nicht mit mir. Wie bitte. - Nö! - Ich glaub' sonst gehts im gut. Aber ich glaube es ist absolut notwendig, jemanden vorbeizuschicken, der sich das hier mal genauer ansieht. Ja? - Danke Dir. - Natürlich. Ist doch klar, dass ich hier warte bis Hilfe eintrifft."

Sie legte langsam und fast geräuschlos den Hörer wieder in die Gabel. Gerade als sie ihn losgelassen hatte, fuhr ihr ein markerschütternder Schreck durch sämtliche Glieder. Professor Stern begann in einer ohrenbetäubend Lautstärke absolut unvermittelt den Raum mit seinem Geschrei auszufüllen

 

Johanna erschrak so sehr, dass sie sich dabei unkontrolliert einnässte. Was sie außerdem erblickte, nachdem sie sich umdrehte, ließ sie nochmal zusätzlich erschrecken. Diese Art Horrorfilmschock. Am Fenster stand Malu, der Androidenmann und drückte neugierig seine künstliche Nase ans Glas. Die rundlichen Augen wollten verstehen, was sie dort sahen. Der Professor saß bereits seit 30 Sekunden brüllend im Stuhl und reckte dabei den rechten Arm Richtung Porzellanengel.

 

 


Kapitel 2.4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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