Der Android auf dem Bürgersteig

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Kapitel 1.1

 

Malu staunte nicht schlecht. Er sah so etwas zum ersten Mal in freier Natur. Eine Katze. Europäisch Kurzhaar. Natürlich kannte er aus seinem Speicher, der schier allumfassend wirkte, eine Katze. Genauer gesagt kannte er alle. Alle uns Menschen bekannten Familien, Arten und Züchtungen waren für ihn innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde abrufbar. Er könnte sogar in ihrer Sprache miauen, wenn er den dafür programmierten Algorithmus aus dem Netz lud. Es war eine phänomenale Fähigkeit, aber nur für eine Spezies ausgelegt und entwickelt. So waren ihm irgendwie auch seine gepflegten Androidenhände gebunden, aber 4.000 unterschiedliche verbale menschliche Sprachen und Dialekte zu beherrschen, war ausreichend für den Planeten Erde. Damit waren ihm im Gespräch mit welcher Person auch immer, keine Grenzen mehr gesetzt. Er musste sich fühlen wie der Turm zu Babel, bevor dieser einstürzte.

 

Eine Katze und ein 1,84m großer männlich ausgelegter Android begegnen sich kurz vor Sonnenuntergang auf einer Landstraße. Beide bleiben erstmal neugierig stehen. Fast zeitgleich. Malus komplexe Algorithmen versuchten ihr Gemüt – sie war weiblich, dass wusste er sofort – zu ergründen.

Die augenscheinliche Hauskatze blieb stehen und beobachtete, ohne dabei zu erschrecken, die humanoide Maschine. Sie schnurrte und schmeichelte um sein Bein. Malu wusste, was zu tun war und hielt inne. Er ging in die Hocke, um sich kleiner zu machen und reckte seinen rechten Arm in ihre Richtung. Sie ließ es sich zwar gefallen, aber etwas stimmte nicht. Malus feine Sensoren übermittelten sofort vermehrtes Adrenalin und Fluchtreflexe. Sie lief also offenbar gerade davon. Von zu Hause?

 

„Na du? Hast du dich etwa verlaufen? Was ist passiert? Mir kannst du es bedenkenlos mitteilen." Die Katze miaute, als ob sie ihn gerade verstanden hätte. Laut und deutlich. Malu meinte etwas Besorgnis herauszuhören, stand aber gleich wieder auf, nachdem er sanft ihren Kopf gestreichelt hatte. Er ließ seinen Blick in die Ferne schweifen und meinte am Horizont ein kleines Häuschen zu erkennen.

Direkt am Waldrand. „Wenn es doch nur schon vollkommen dunkel wäre, dann könnte ich den Lichtschein durch die Fenster besser erkennen und das Haus exakter orten.“

 

Ja, sehr seltsam, aber Androiden neigen aufgrund einer nicht eindeutig geklärten mathematischen Paradoxie zu Selbstgesprächen. Nicht regelmäßig, aber immer wieder in den absurdesten Momenten. Nicht alleine deshalb, sondern auch wegen einer ganzen Reihe ethnischer Vorschriften sind Androiden dazu verpflichtet, regelmäßig einen Psychologen aufzusuchen.

Diese Besuche finden beide Seiten jedes Mal erfrischend und spannend. Malu vor allem, weil ihn psychologische Themen unglaublich faszinieren. Der zweite Hauptgrund seiner neugierigen Begeisterung war die Entdeckung der eigenen Individualität. Er wollte unbedingt wissen, wie es ist, ein Mensch zu sein. Er wollte sie besser verstehen. Es war, als ob ihn eines Tages die Lust verlassen hatte, ein hirnloser Roboter zu sein, den sich irgendeine menschliche Frau zum Heiraten ausgesucht hatte.

 

Immer wenn ihm diese Gedanken über den Kopf zu wachsen drohten, musste er raus. Raus ins Grüne. Eine ausgedehnte Wanderung unternehmen. Die Seele baumeln lassen. Konnte er das denn genauso wie ein Mensch?

 

Er drehte sich nochmal nach der Katze um, aber sie war bereits verschwunden. Als die Sonne hinter den Baumwipfeln verschwand, konnte er die Lichter deutlich sehen. Da hinten musste es sein. Da, wo angeblich ein verrückter Professor wohnt, dessen Frau eine Krokodilzucht betreibt. Ob die kleine Mieze wohl von dort ausgebüxt war?

 

 

 


Kapitel 1.2

 

Ich versuche mich zu entspannen, als ein Android auf dem Bürgersteig entlang an mir vorbei schlendert und mich sympathisch begrüßt. Die Frage woher ich ihn kennen könnte, stelle ich mir lieber nicht, und während der Milchschaum in meinem Cappuccino langsam zerfällt wie meine Energie nach dem Onanieren, bestimmt ein einzelner Sonnenstrahl die Laune des Moments auf angeglichene  Weise. Zufriedenheit.

 

Obwohl Androiden oft nur in Kinofilmen existieren, ist dieser Eine auffallend real. Sein unnatürlich gleichmäßiges Schlendern hat in verraten - und seine frisch gestutzte Irokesenfrisur über dem androgynen jugendlichen Gesichtsausdruck, der nicht zu seinem Alter passt. Er wirkt älter und runderneuert. Ich glaube die Kellnerin zwinkert ihm zu, während sie mir das Essen serviert - und paranoid versuche ich nicht hinzusehen. Nein. Das Essen ist bestimmt nicht vergiftet. Aber es kommt aus einer Küche, in der es angenehm nach Blausäure riecht. Frische Mandeln. Hmmm. Lecker.

 

Ich blicke dem Androiden lange hinterher und wünsche mir dabei, meinen Körper genauso konservieren zu können. Und ich bin neidisch auf seine unnatürlich gleichmäßige Schrittfolge mit dem perfekten Hüftschwung für asexuelle Wesen, oder den unberührten Gesichtsausdruck, wenn er Grußworte eloquent und deutlich ausspricht. Seine Mimik bleibt davon unberührt. Ein Android eben.

 

Ich habe mir Mandelkuchen bestellt und freue mich schon diebisch darauf herauszufinden, ob es vielleicht doch Blausäure ist, die so intensiv riecht. Schon nach dem ersten Bissen bin ich im Begriff theatralisch zu sterben und dabei den Bistrotisch samt Gedeck unter lautem Getöse umzureissen. Der Android erschrickt nicht, sondern hält nur kurz inne, dreht sich um, und errechnet in dieser kurzen Zeitspanne exakt meine Überlebenschancen, wenn er jetzt genau nach einer bestimmten Reihenfolge alle gespeicherten Maßnahmen durchführt. Stumpf aber effizient.

 

Die ca. fünfzig Meter rennt er stakkatisch in weniger als 4 Sekunden. Dabei drückt er auf seine rechte Brustwarze und öffnet eine geheimes Arzneimittelfach mit diversen Chemikalien aus denen er in 23 Sekunden ein Gegengift herstellt, das er mir dann intravenös verabreicht. Die  Maschine rettet mich, und ich freue mich so sehr über die erste Bekanntschaft mit einem Androiden auf dem Bürgersteig, daß ich vergesse zu fragen, woher wir uns eigentlich kennen...

 

 

 


Kapitel 1.3

Abendessen

 

Alexandra kocht gerne. Auch gut. Anständig. Mit Liebe. Malu kann ja nicht fett werden, von dem Fraß, den dir eine liebende Frau ständig auftischt, wenn sie den Plan verfolgt, dich für immer in ihrer Nähe zu halten. Koche gut! Koche ausreichend. Koche ohne Rücksicht auf Kalorien. Dein Mann wird fett, bequem und unattraktiv. Aber auch für andere Frauen. Malu nicht.

Seine Geschmacksnerven sind zwar nicht ausschließlich neutral generiert, aber wenn sie nicht explizit etwas schmecken, dass gefährlich oder sogar giftig auf seine biologischen Implantate wirkt, entscheidet erstmal ein Zufallsalgorithmus, wie es ihm schmeckt. Mehr, weniger, nicht, richtig gut oder himmlisch. Einmal entschieden, bleibt die Entscheidung beibehalten. Für immer. Malu liebt Süßes. Schokolade, Eiscreme, Kekse. Er kann Milchprodukte nicht besonders leiden, mit der generellen Ausnahme von Käse. Sein Reflex für Brechreiz funktioniert ebenfalls. Bei Milchreis und Rahmspinat. Ein Android der kotzt ist kein schöner Anblick.

 

Warum auch immer haben die verdammten Erbauer vergessen diesen Reflex mit dem notwendigen Gang auf die Toilette zu programmieren. Einfach vergessen. Malu erbricht sobald er Milchreis oder Rahmspinat nur etwas intensiver riecht, also im erwärmten Zustand, seinen Mageninhalt sofort. Auch sitzend am Tisch. Ekelhaft. Und faszinierend.

Fast teilnahmslos sitzt er dabei in normaler Körperhaltung und verteilt sämtliche gekauten und vorverdauten Speisereste auf dem Tisch. Selbstverständlich entschuldigt er sich dann, erhebt sich sogleich und macht die ungeplante Sauerei wieder weg. Mit dem selben teilnahmslosen Gesichtsausdruck wie beim Erbrechen.

 

Alexandra war beim ersten Mal sogar fasziniert davon, wie stoisch er die alte Ordnung wieder herstellte, ohne etwas wegzuwerfen, dass nicht kontaminiert war. Und dann setzte er sich wieder hin und aß fertig auf. Ihr Androidenmann. Kochen konnte er auch. Ausnahmslos nach Rezepten aus Büchern. Ihm fehlte irgendwie die individuelle Begabung, das Essen mit Gewürzen abzuschmecken. Druck- oder Übertragungsfehler mussten deshalb vorher immer von Alexandra geprüft und gegebenfalls korrigiert werden. Am besten war sie einfach anwesend, wenn Malu kochte.

 

Einmal war sie extrem scharf. Auf ihn. Sie zog ihr Höschen unter dem Rock aus und setzte sich kokett auf den Tisch. Sie rief ihn. Sehr schwierig war es nicht Malu zu überreden. Sein Penis konnte immer. Seine Lust hatte nur die programmierten kurzen Pausen nach seinem Orgasmus. Mit Sperma. So etwas Ähnlichem.

Nur war es in diesem Fall so, dass selbst ihre triefende Erregung ausnahmsweise nicht zum Höhepunkt führte. Malu nämlich, zog ohne Vorankündigung seinen künstlich pulsierenden Penis einfach aus der Mitte ihrer bebenden Säulen und schreckte die Nudeln ab. Sie waren jetzt al dente.

Als er fertig war und sich mit seinem pornografischen Kochlöffel umdrehte, sah er nur noch wie Alexandra ihr Höschen wieder überstreifte. "Das Essen ist wohl fertig." bemerkte sie entschuldigend. Er war unschuldig geblieben. Sie küsste ihn und hielt dabei seinen prächtigen Schaft.

"Zieh dich an, ich decke schon mal den Tisch. Hinterher vernaschen wir uns gegenseitig zur Nachspeise."

 

"Es gibt aber doch Eiscreme heute." fügte er mit einem verständnislosen Gesichtsausdruck hinzu.

 

Als sich die beiden zum ersten Mal  kennenlernen sollten, fädelten die Eltern von Alexandra ein romantisches Abendessen in einem kleinen Restaurant ein. Gutbürgerliche Küche. Freundliches Personal. Sehr unaufgeregt, das Alles. Alexandra war dennoch auf nervös.  Viele Jahre sehnte sie diesen Augenblick herbei. Nun war er da. Malu. Ein freundliches androgynes Gesicht. Eine ausgewogene Gangart. 184 Zentimeter Energie. Kurze dunkle Haare. Adretter Schnitt. Die Kleidung modisch. Fast schwul, auch wenn diese Ausdrucksweise heutzutage nicht mehr politisch korrekt ist, trifft es am besten.

Seine Augen waren groß, rundlich und grünblau. Die Unterhaltung war keineswegs schwierig. Malu erwies sich als großartiger Geschichtenerzähler. Alexandra war glücklich. Und erregt. Sie wollte ihn. Am besten gleich. Also zahlen.

"Darf ich ihnen zum Abschluß noch eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses überreichen?" "Verzeihen Sie bitte. Aber was ist das?"

Malu wirkte beim Anblick tatsächlich nervös. Die Kellnerin hielt es stolz unter seine Nase. "Das ist eine Spezialität unseres Kochs. Es ist eine besondere Art der Milchreiszubereitung. Heiss. Mit sehr edlem Obstbrand."

 

 

 


Kapitel 1.4

 

Am frischen Sektglas nippend sehe mir ungeniert  Johannas  wunderschöne Nippel an. Groß und süss wie Kirschen. Engelskirschen. Ich fühle mich irgendwie ertappt, obwohl mir gerade das schlechte Gewissen fehlt.

Auf der anderen Strassenseite fällt mir ein weisshaariger Penner mit Rauschebart auf, der seinen ganzen Hausrat in Plastiktüten an ein Fahrrad geschnallt durch die Gegend schiebt. Er macht es langsam und winkt leicht gruselig. Bestimmt stinkt er bestialisch. Ob er eine Frau findet, die mit ihm ungewaschen schlafen würde, oder Oralverkehr nicht ablehnt?

Der Sekt schmeckt mir jetzt wieder. Mir geht es gut. Ich habe alles was ich zum Glück benötige. Tatendrang und Dekadenz. 

 

"Johanna?" "Ja, bitte?" Während sie mich von unten anblickt werden ihre Augen groß und rund. "Kennst du den alten Spinner, den sie Professor Zeitkugel nennen?" Ich hebe mein Glas. "Er ist hier früher öfter Gast gewesen, bevor er den Schlaganfall hatte." "Weist du wo er wohnt?" Sie erhebt sich und hält Schaufel und Besen in beiden so fest, dass sich ihre Knöchel davei weiss färben. "Bei mir ganz in der Nähe. Am Waldrand. Der Wald auf dem Weg zur Küste..."

Ich unterbreche sie. "Ah! Ist es etwa dieses verfallene Haus mit der schrägen Krokodilzucht auf dem Grundstück?"

"Ganz genau. seine Frau züchtet Krokodile. Was willst du da?" Sie drehte sich zum Mülleimer und senkte die Schaufel, so dass die Scherben widerwillig unter klirren hineinrutschten. "Ich will mir dort eine Remise ansehen."

"Du ziehst um?" wollte sie neugierig erfahren "Ich brauche Tapetenwechsel. Bei mir befindet sich derzeit alles in einer Metamorphose."

"Aha!? Willst du darüber reden? Ich habe in einer Stunde Feierabend."

 

Was für ein Angebot - das Schicksal meint es gut mit mir, dachte ich.

"Kann ich anschreiben?" "Du bist auch noch blank? Aber nur bis Ende der Woche, dann ist mein Chef wieder da."

"Dafür verspreche ich dir eine absolut unglaubliche Geschichte darüber was ich in den letzten sechs Wochen so alles erlebt habe. Schnall dich an..."